Vor Ort präsent - die Welt im Blick angesichts des Klimawandels

Standpunkt des Synodalrats (2019)

Die Verletzlichkeit von Mensch und Welt

Kaum ein Phänomen der Gegenwart rückt die Verletzlichkeit des Menschen und unserer Welt als ein zusammenhängendes lebendiges Ganzes derart dringlich in den Blick wie die aktuellen Veränderungen des Klimas. Weltweit häufen sich extreme Wetterphänomene wie Hitze, Trockenheit, Stürme oder Fluten und Überschwemmungen. Die Folgen davon sind Zerstörung, Krankheit, Armut, Hunger und Flucht. Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 verpflichtet deshalb die Staaten, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten.

In Übereinstimmung mit den Erkenntnissen zahlreicher ernst zu nehmender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen fordert der Weltklimarat, die Netto-Emissionen von CO2 und anderer Treibhausgase rasch abzusenken und spätestens zwischen 2040 und 2050 weltweit auf null zu senken (IPCC, 2018). Gleichzeitig soll die Verbrennung von Erdöl und Erdgas reduziert werden, bis alle fossilen Energieträger durch klimaneutrale Energiequellen ersetzt sind. Unter Berücksichtigung von globaler Klimagerechtigkeit müsste dieser Wandel in Europa deutlich schneller ablaufen als in anderen Weltgegenden (IPCC 2018; Global Carbon Project 2018).

Politische und individuelle Verantwortung
Der Politik kommt in der Klimafrage eine besondere Verantwortung zu: Klimafreundliches und nachhaltiges Handeln muss einfach und kostengünstig werden – klimaschädigendes Handeln hingegen unattraktiv und teuer, zum Beispiel durch wirksame und gleichzeitig sozial verträgliche CO2-Abgaben. Als Kirche setzen wir uns mit aktiver Kommunikation dafür ein, dass das gesellschaftliche Handeln ohne weiteres Zögern an den Prinzipien der Nachhaltigkeit ausgerichtet wird und mutig sowie mit der notwendigen Geschwindigkeit erneuerbare Energiequellen eingeführt werden.

Den Klimaschutz bloss an die Politik zu delegieren, reicht allerdings nicht: Es ist für uns alle an der Zeit, die Herausforderungen des Klimawandels auch individuell entschlossen anzupacken und unsere Mobilitäts-, Konsum und Ernährungsmuster grundlegend zu überdenken und zu verändern. Denn der Umwelt- und Klimaschutz ist im ureigenen Interesse der Menschheit. Gestörte Ökosysteme, vergiftete Böden und verschmutzte Luft richten sich in zunehmendem Masse gegen den Menschen selber. Die Forderungen der Jugend zum Schutz des Klimas sind deshalb berechtigt.

Die Kirche stellt sich hinter die Forderungen der Jugend zum Schutz des Klimas
Junge Menschen in grosser Zahl engagieren sich für den Klimaschutz und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen. Auch Kirchgemeinden und Pfarrpersonen solidarisieren sich mit der existenziellen Betroffenheit der Jugend im Angesicht des Klimawandels. Damit die Lebensgrundlagen von uns allen langfristig gesichert werden können, ist es unerlässlich, dass der Ruf nach mehr Klimaschutz über die jugendlichen Kreise hinaus Gehör findet. Eine pointierte klare Stimme der Kirche in der aktuellen Klimadebatte tut daher Not – im Sinn von: Vor Ort präsent und die Welt im Blick, wie es in der Vision Kirche 21 heisst, für den Klimaschutz engagiert.

Dem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung gemäss, wie er in Art. 60 unserer Kirchenordnung verankert ist, beteiligt sich unsere Kirche aktiv und konstruktiv an der aktuellen Diskussion zu Klima- und Energiefragen. So hat sich unsere Kirche jüngst zum Kantonalbernischen Energiegesetz sowie zur Energiestrategie 2050 vernehmen lassen. Es braucht aber auch rasches und konkretes Handeln.

Die eigenen Handlungsmöglichkeiten ausschöpfen
Der Synodalrat ist bestrebt, durch Förderung und eigene Anwendung des Umweltmanagementsystems «Grüner Güggel» dazu beizutragen, schädliche Umweltemissionen konsequent zu vermeiden. Bereits in einem früheren Standpunkt (2012) stellte er sich hinter das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft. Die Kirchgemeinden werden darin unterstützt, Energieberatungsangebote von Kanton und Kirche in Anspruch zu nehmen und auf kirchlichen Gebäuden Solaranlagen einzurichten. Bei Gebäudesanierungen soll der Schutz des Klimas berücksichtigt werden, indem der Energieverbrauch mit sparsamem Heizen und Isolationsmassnahmen gesenkt wird. Mit fossilen Brennstoffen betriebene Heizungen (Öl, Gas) sollten spätestens am Ende ihrer Lebensdauer durch erneuerbare Heizsysteme oder den Anschluss an einen Wärmeverbund ersetzt werden.

Viele Kirchgemeinden nutzen zunehmend ihre Handlungsmöglichkeiten, um ihren ökologischen Fussabdruck zu verbessern: Bei der Verpflegung wird zunehmend darauf geachtet, dass lokal und ökologisch produzierte Lebensmittel verwendet werden und auf Wegwerfgeschirr verzichtet wird. Im Bereich der Mobilität reichen die Bemühungen von der Förderung von Fahrgemeinschaften und von Langsamverkehr bis hin zu einer  grundsätzlich zurückhaltenden Nutzung von Flugreisen. Beim Beschaffungswesen ist zunehmend zu beobachten, dass vom Putzmittel über das Papier bis hin zur IT-Beschaffung ökologische Faktoren in die Evaluation mit einbezogen werden. Es gilt, das entsprechende Engagement in Zukunft weiter zu verstärken.

Indem wir die Gegenwart gestalten, setzen wir auf Gottes Zukunft
Innezuhalten und die Probleme wahrzunehmen und nicht zu beschönigen und doch nicht zu verzweifeln, aufzugeben oder auszusteigen bedeutet, auf Gottes Zukunft zu vertrauen. Gestärkt durch die Worte der Propheten und ermutigt durch das Leben, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi, schenkt uns unser Glaube die Gewissheit, dass Gott immer wieder in unvorhergesehener Weise Zukunft eröffnet. Indem wir mitten in der Klimakrise die Gegenwart gestalten, setzen wir auf Gottes Zukunft und darauf, dass der Heilige Geist die ganze Schöpfung erneuert.

Vor diesem Hintergrund möchte der Synodalrat die einzelnen Aktionen auch in einen grösseren Zusammenhang stellen. Er ermuntert die Gemeinden und die verschiedenen landeskirchlichen Instanzen…

  • die Bibel angesichts der ökologischen Krise mit neuen Augen und ökologischer Sensibilität zu lesen,
  • auf allen Ebenen ökologische Bildung und interdisziplinäre Zusammenarbeit zugunsten ökologischer Anliegen zu fördern,
  • dem aktuellen Lead der Jugend in der Nachhaltigkeitsthematik Raum zu geben und ihre Impulse aufzunehmen,
  • Allianzen mit verschiedensten zivilgesellschaftlichen Akteuren zu suchen, um zum Aufbau ökologischer Gemeinschaften, Gemeinden und Städte beizutragen,
  • Mitglied bei der Klima-Allianz zu werden,
  • sich dafür einzusetzen, dass die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO auch bei uns wahrgenommen werden und politische Angriffe auf diese internationale Verpflichtung abgewehrt werden,
  • den Prozess der UNO zu einer verbindlichen «Charta der Rechte von Mutter Erde» (Cochabamba 2010) zu unterstützen.


Referentin und Referent des Synodalrats: Judith Pörksen Roder, Ueli Burkhalter


Publikation

Kurt Aufdereggen et al.: Es werde grün. Umwelthandbuch für Kirchgemeinden. oeku Kirche und Umwelt, Bern, 2015.

Weitere Informationen
Webseiten mit Grundlagentexten und Positivbeispielen zur 2000-Watt-Gesellschaft


Persönliche Beratung
oeku Kirche und Umwelt 031 398 23 45, Kurt Aufdereggen und Kurt Zaugg-Ott