Alles hat seine Zeit. Das hohe Alter in unserer Gesellschaft

Standpunkt des Synodalrates (August 2014)

In den vergangenen 100 Jahren hat die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz um mehr als 30 Jahre zugenommen. Die Menschen können heute in der Regel davon ausgehen, ein hohes Alter zu erreichen.

Junge, aktive Menschen gelten in unserer Gesellschaft viel. Sie werden von den Medien in Szene gesetzt. Die Kehrseite davon ist die Abwertung des hohen Alters. Dieses – oft auch als 4. Alter bezeichnet – wird meist mit negativen Aspekten in Verbindung gebracht: dem Schwächer-Werden, dem Krank-Sein und dem Verluste-Erleiden. Es ist offensichtlich, dass diese Aspekte wichtigen, dominanten Werten unserer Gesellschaft widersprechen, wie beispielsweise dem Wachstum, der Dynamik, der Leistungsfähigkeit und der Selbstbestim-mung. Autonomie und Selbstständigkeit haben einen hohen Stellenwert – Abhängigkeit wird demgegenüber als unwürdig empfunden. Dies kann bei Betroffenen und Angehörigen von Menschen in Abhängigkeit als Verletzung des Selbstwertgefühls erlebt werden, Druck verursachen und Schamgefühle hervorrufen.

Die biblische Botschaft eröffnet uns jedoch einen anderen Blick auf den Wert und die Würde des Menschen. Sie betrachtet jeden einzelnen Menschen als Gottes Ebenbild und postuliert auf dieser Grundlage die Würde und Gleichheit aller. Nützlichkeit und Erfolg können nicht die einzig massgebenden Kriterien zur Beurteilung des Werts eines Lebens sein.

Der Synodalrat setzt sich mit verschiedenen Massnahmen dafür ein, dass dieses biblisch fundierte Menschenbild auch in unserer heutigen Gesellschaft zum Tragen kommt. Grund-legend ist die von den Reformierten Kirchen, Justitia et Pax sowie der Pro Senectute Schweiz lancierte Kampagne zur Hochaltrigkeit unter dem Titel «Alles hat seine Zeit». «Alles hat seine Zeit», das Zitat aus Prediger 3,1, steht für ein starkes Bewusstsein der zeitlichen Existenz. Jede Lebenszeit hat ihre Würde, ihre Berechtigung, ihre Gleich-Wertigkeit.

Das Alter zu würdigen setzt voraus, dieses – gleich wie die blühende Jugend und die kraftvolle Lebensmitte – als Teil des ganzen Lebens zu begreifen. Die christlich-jüdische Tradition betont, dass die Würde des einzelnen Menschen vor Gott unbedingt ist, das heisst nicht an Bedingungen geknüpft ist.

Als Konsequenz setzen sich die Kirchgemeinden in ihrem Handeln dafür ein, dass Menschen in Abhängigkeit nicht vergessen werden. Sie setzen sich ein für eine Sorgekultur, welche die Würde der Menschen ungeachtet ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten respektiert. Sie bieten seelsorgerliche Begleitung, die der Verletzlichkeit von Menschen in Abhängigkeit Rechnung trägt und ihnen mit Empathie begegnet. Sie achten darauf, dass auch in der Verkündigung die Würde des einzelnen Menschen als unantastbar bezeugt wird. Verletzlichkeit und Abhängigkeit werden so ins gemeinsame Leben zurückgeholt, im Bewusstsein darum, dass alle Menschen verletzlich und abhängig ins Leben kamen und verletzlich und abhängig bleiben, mal deutlicher, mal weniger sichtbar.

Der Synodalrat unterstützt die Massnahmen, mit denen Mitmenschen sowohl für die Chancen wie auch für die Herausforderungen der Hochaltrigkeit in unserer Gesellschaft sensibilisiert werden. Er setzt sich dafür ein, dass die Würde aller Menschen – und insbesondere die Würde der alten Menschen – uneingeschränkt respektiert wird, unabhängig von ihrem gesundheitlichen Zustand und ihrer Lebenssituation. Er setzt alles daran, dass Menschen nicht aus dem Leben scheiden aus Verzweiflung und Einsamkeit, um Kosten für Betreuung und Pflege zu sparen, oder weil sie dem oft subtilen Druck negativer gesellschaftlicher Werturteile nicht mehr standhalten können. Der Synodalrat unterstützt deshalb die Thesen der Charta «Zum würdigen Umgang mit älteren Menschen», welche diese Haltung zusammenfassen.

Alles hat seine Zeit – jede Zeit hat ihre unantastbare Würde.


Referent des Synodalrates: Stefan Ramseier


Weiterführende Links
Internetplattform «Alles hat seine Zeit»   
Thema Alter auf refbejuso.ch

Download
Charta «Zum würdigen Umgang mit älteren Menschen»